Franz Kafka

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Monday, February 1, 2016

"Unglücklichsein," by Franz Kafka: "Unhappiness," English version. "Unglücklichsein," by Franz Kafka ("Unhappiness") with Original Text in German, "Unglücklichsein," translated in English by LiteraryJoint



Jaroslav Róna's bronze statue of Franz Kafka in Prague

 

Unglücklichsein




Als es schon unerträglich geworden war — einmal gegen Abend im November — und ich über den schmalen Teppich meines Zimmers wie in einer Rennbahn einherlief, durch den Anblick der beleuchteten Gasse erschreckt, wieder wendete, und in der Tiefe des Zimmers, im Grund des Spiegels doch wieder ein neues Ziel bekam, und aufschrie, um nur den Schrei zu hören, dem nichts antwortet und dem auch nichts die Kraft des Schreiens nimmt, der also aufsteigt, ohne Gegengewicht, und nicht aufhören kann, selbst wenn er verstummt, da öffnete sich aus der Wand heraus die Tür, so eilig, weil doch Eile nötig war und selbst die Wagenpferde unten auf dem Pflaster, wie wildgewordene Pferde in der Schlacht, die Gurgeln preisgegeben, sich erhoben.
Als kleines Gespenst fuhr ein Kind aus dem ganz dunklen Korridor, in dem die Lampe noch nicht brannte, und blieb auf den Fußspitzen stehn, auf einem unmerklich schaukelnden Fußbodenbalken. Von der Dämmerung des Zimmers gleich geblendet, wollte es mit dem Gesicht rasch in seine Hände, beruhigte sich aber unversehens mit dem Blick zum Fenster, vor dessen Kreuz der hochgetriebene Dunst der Straßenbeleuchtung endlich unter dem Dunkel liegenblieb. Mit dem rechten Ellbogen hielt es sich vor der offenen Tür aufrecht an der Zimmerwand und ließ den Luftzug von draußen um die Gelenke der Füße streichen, auch den Hals, auch die Schläfen entlang.
Ich sah ein wenig hin, dann sagte ich »Guten Tag« und nahm meinen Rock vom Ofenschirm, weil ich nicht so halb nackt dastehen wollte. Ein Weilchen lang hielt ich den Mund offen, damit mich die Aufregung durch den Mund verlasse. Ich hatte schlechten Speichel in mir, im Gesicht zitterten mir die Augenwimpern, kurz, es fehlte mir nichts, als gerade dieser allerdings erwartete Besuch.
Das Kind stand noch an der Wand auf dem gleichen Platz, es hatte die rechte Hand an die Mauer gepreßt und konnte, ganz rotwangig, dessen nicht satt werden, daß die weißgetünchte Wand grobkörnig war, und die Fingerspitzen rieb. Ich sagte: »Wollen Sie tatsächlich zu mir? Ist es kein Irrtum? Nichts leichter als ein Irrtum in diesem großen Hause. Ich heiße Soundso, wohne im dritten Stock. Bin ich also der, den Sie besuchen wollen?«
»Ruhe, Ruhe!« sagte das Kind über die Schulter weg, »alles ist schon richtig.«
»Dann kommen Sie weiter ins Zimmer herein, ich möchte die Tür schließen.«
»Die Tür habe ich jetzt gerade geschlossen. Machen Sie sich keine Mühe. Beruhigen Sie sich überhaupt.«
»Reden Sie nicht von Mühe. Aber auf diesem Gange wohnt eine Menge Leute, alle sind natürlich meine Bekannten; die meisten kommen jetzt aus den Geschäften; wenn sie in einem Zimmer reden hören, glauben sie einfach das Recht zu haben, aufzumachen und nachzuschaun, was los ist. Es ist einmal schon so. Diese Leute haben die tägliche Arbeit hinter sich; wem würden sie sich in der provisorischen Abendfreiheit unterwerfen! Übrigens wissen Sie es ja auch. Lassen Sie mich die Türe schließen.«
»Ja, was ist denn? Was haben Sie? Meinetwegen kann das ganze Haus hereinkommen. Und dann noch einmal: Ich habe die Türe schon geschlossen, glauben Sie denn, nur Sie können die Türe schließen? Ich habe sogar mit dem Schlüssel zugesperrt.«
»Dann ist's gut. Mehr will ich ja nicht. Mit dem Schlüssel hätten Sie gar nicht zusperren müssen. Und jetzt machen Sie es sich nur behaglich, wenn Sie schon einmal da sind. Sie sind mein Gast. Vertrauen Sie mir völlig. Machen Sie sich nur breit ohne Angst. Ich werde Sie weder zum Hierbleiben zwingen, noch zum Weggehn. Muß ich das erst sagen? Kennen Sie mich so schlecht?«
»Nein. Sie hätten das wirklich nicht sagen müssen. Noch mehr, Sie hätten es gar nicht sagen sollen. Ich bin ein Kind; warum so viel Umstände mit mir machen?«
»So schlimm ist es nicht. Natürlich, ein Kind. Aber gar so klein sind Sie nicht. Sie sind schon ganz erwachsen. Wenn Sie ein Mädchen wären, dürften Sie sich nicht so einfach mit mir in einem Zimmer einsperren.«
»Darüber müssen wir uns keine Sorge machen. Ich wollte nur sagen: Daß ich Sie so gut kenne, schützt mich wenig, es enthebt Sie nur der Anstrengung, mir etwas vorzulügen. Trotzdem aber machen Sie mir Komplimente. Lassen Sie das, ich fordere Sie auf, lassen Sie das. Dazu kommt, daß ich Sie nicht überall und immerfort kenne, gar bei dieser Finsternis. Es wäre viel besser, wenn Sie Licht machen ließen. Nein, lieber nicht. Immerhin werde ich mir merken, daß Sie mir schon gedroht haben.«
»Wie? Ich hätte Ihnen gedroht? Aber ich bitte Sie. Ich bin ja so froh, daß Sie endlich hier sind. Ich sage ›endlich‹, weil es schon so spät ist. Es ist mir unbegreiflich, warum Sie so spät gekommen sind. Da ist es möglich, daß ich in der Freude so durcheinandergesprochen habe und daß Sie es gerade so verstanden haben. Daß ich so gesprochen habe, gebe ich zehnmal zu, ja ich habe Ihnen mit allem gedroht, was Sie wollen. — Nur keinen Streit, um Himmels willen! — Aber wie konnten Sie es glauben? Wie konnten Sie mich so kränken? Warum wollen Sie mir mit aller Gewalt dieses kleine Weilchen Ihres Hierseins verderben? Ein fremder Mensch wäre entgegenkommender als Sie.«
»Das glaube ich; das war keine Weisheit. So nah, als Ihnen ein fremder Mensch entgegenkommen kann, bin ich Ihnen schon von Natur aus. Das wissen Sie auch, wozu also die Wehmut? Sagen Sie, daß Sie Komödie spielen wollen, und ich gehe augenblicklich.«
»So? Auch das wagen Sie mir zu sagen? Sie sind ein wenig zu kühn. Am Ende sind Sie doch in meinem Zimmer. Sie reiben Ihre Finger wie verrückt an meiner Wand. Mein Zimmer, meine Wand! Und außerdem ist das, was Sie sagen, lächerlich, nicht nur frech. Sie sagen, Ihre Natur zwinge Sie, mit mir in dieser Weise zu reden. Wirklich? Ihre Natur zwingt Sie? Das ist nett von Ihrer Natur. Ihre Natur ist meine, und wenn ich mich von Natur aus freundlich zu Ihnen verhalte, so dürfen auch Sie nicht anders.«
»Ist das freundlich?« »Ich rede von früher.«
»Wissen Sie, wie ich später sein werde?« »Nichts weiß ich.«
Und ich ging zum Nachttisch hin, auf dem ich die Kerze anzündete. Ich hatte in jener Zeit weder Gas noch elektrisches Licht in meinem Zimmer. Ich saß dann noch eine Weile beim Tisch, bis ich auch dessen müde wurde, den Überzieher anzog, den Hut vom Kanapee nahm und die Kerze ausblies. Beim Hinausgehen verfing ich mich in ein Sesselbein.Auf der Treppe traf ich einen Mieter aus dem gleichen Stockwerk.
»Sie gehen schon wieder weg, Sie Lump?« fragte er, auf seinen über zwei Stufen ausgebreiteten Beinen ausruhend.
»Was soll ich machen?« sagte ich »jetzt habe ich ein Gespenst im Zimmer gehabt.«
»Sie sagen das mit der gleichen Unzufriedenheit, wie wenn Sie ein Haar in der Suppe gefunden hätten.«
»Sie spaßen. Aber merken Sie sich, ein Gespenst ist ein Gespenst.«
»Sehr wahr. Aber wie, wenn man überhaupt nicht an Gespenster glaubt?«
»Ja, meinen Sie denn, ich glaube an Gespenster? Was hilft mir aber dieses Nichtglauben?«
»Sehr einfach. Sie müssen eben keine Angst mehr haben, wenn ein Gespenst wirklich zu Ihnen kommt.«
»Ja, aber das ist doch die nebensächliche Angst. Die eigentliche Angst ist die Angst vor der Ursache der Erscheinung. Und diese Angst bleibt. Die habe ich geradezu großartig in mir.« Ich fing vor Nervosität an, alle meine Taschen zu durchsuchen.
»Da Sie aber vor der Erscheinung selbst keine Angst hatten, hätten Sie sie doch ruhig nach ihrer Ursache fragen können!«
»Sie haben offenbar noch nie mit Gespenstern gesprochen. Aus denen kann man ja niemals eine klare Auskunft bekommen. Das ist ein Hin und Her. Diese Gespenster scheinen über ihre Existenz mehr im Zweifel zu sein als wir, was übrigens bei ihrer Hinfälligkeit kein Wunder ist.«
»Ich habe aber gehört, daß man sie auffüttern kann.«
»Da sind Sie gut berichtet. Das kann man. Aber wer wird das machen?«
»Warum nicht? Wenn es ein weibliches Gespenst ist zum Beispiel«, sagte er und schwang sich auf die obere Stufe.
»Ach so«, sagte ich, »aber selbst dann steht es nicht dafür.« Ich besann mich. Mein Bekannter war schon so hoch, daß er sich, um mich zu sehen, unter einer Wölbung des Treppenhauses vorbeugen mußte. »Aber trotzdem«, rief ich, »wenn Sie mir dort oben mein Gespenst wegnehmen, dann ist es zwischen uns aus, für immer.«»Aber das war ja nur Spaß«, sagte er und zog den Kopf zurück.
»Dann ist es gut«, sagte ich und hätte jetzt eigentlich ruhig spazierengehen können. Aber weil ich mich gar so verlassen fühlte, ging ich lieber hinauf und legte mich schlafen.



Unhappiness 


As it had already become unbearable– once, towards the evening in November – and I was running along over the narrow carpet in my room as on a racetrack, frightened by the sight of the illuminated alley; I turned around again and I was given a new goal in the depths of the room, at the bottom of the mirror, and I cried out, just to hear the scream, which is answered by nothing, and from which nothing takes the strength of screaming, which therefore rises, no counterweight, and cannot stop even when it falls silent; a door was opened in the wall in such a hurry, since haste was indeed necessary, and even the horses wagon down on the pavement reared, like crazed horses in a battle, their throats raised.
Like a small ghost, a child scampered out of the completely dark corridor, in which the lamp was not yet burning, and stood still on his toes, on an imperceptibly swaying floorboard. Immediately blinded by the twilight of the room, he wanted to hide his face in his hands, but calmed down unexpectedly with the view to the window, before the cross of the rising haze from the street lighting, finally remained lying under the darkness. With the right elbow he supported himself in front of the open door by the wall, and let the draft from outside caress the joints of his feet, also the neck, also along the temples.
I looked down a bit, then I said “Good day,” and took my jacket from the fire screen, because I did not want to stand there half-naked. I kept my mouth open for a while, so that the excitement would leave through the mouth. There was bad saliva, and in my face the eyelashes were trembling; in short, nothing was missing, for I had precisely expected this visit. The child was still standing by the wall in the same place: he pressed the right hand against the wall and, all red-cheeked, not enough satisfied of this, the whitewashed wall was coarse and the fingertips were rubbing against it. I said: “Do you really want to see me? Is it not an error? Nothing is easier than an error in this big house. My name is Soandso, I live on the third floor. So, am I the one you wanted to visit?”
“Quiet, quiet!” the child said over his shoulder, “all is just right.”
“Then come further into the room, I would like to close the door.”
“I have closed the door just now. Do not bother. Do not trouble yourself anyways.”
“Do not talk of trouble. But there are many people living in this corridor, naturally all of them are acquaintances; most of them are now returning from their businesses; if they hear talking in a room they just think they have the right to come in and see what is going on. That is just the way it is. These people have put heir daily work behind them; whom would they subdue to in the provisional freedom of the evening! You know that already, by the way. Let me close the door.”
“So, what is it? What’s the matter with you? As far as I'm concerned, the whole house might just come in. And once again: I have already closed the door, or do you think that only you can close the door? I have even locked it with the key.”
“All alright then. That’s all I want. It was not even necessary to lock it with the key. And now make yourself comfortable, since you are here anyway. You are my guest. Trust me completely. Make yourself at ease without fear. I will not force you to stay, nor to leave. Do I have to say that first? Do you know me so little?”
 “No. You really didn't have to say that. I am a child; why take so much trouble with me?”
“It’s not that bad. Of course, a child; but you are not at all that small. You are already quite adult. If you were a girl, you would not be permitted to just lock yourself in a room with me.”
“We don’t have to worry about that. I just wanted to say: the fact that I know you so well protects me little, it only relieves you from the effort of telling me some lies. Nevertheless you are making compliments. Don’t, I urge you, don’t! Add to this that I do not know you completely and always, especially in this darkness. It would be much better if you turned the lights on. No, rather not. Though, I will keep in mind that you have already threatened me.”  
“What? Have I threatened you? But, I beg you. I am actually so glad you are finally here. I say ‘finally’ because it is already so late. It is incomprehensible to me why you have come this late.
So it is possible that I spoke confusedly in my joy, and that you understood it that way. That I have spoken like that, I concede ten times, yes, I have threatened you with everything you want.  – Only no fight, for heaven’s sake! – But how could you believe it? How could you hurt me like that? Why do you want, with all your might, to spoil the short moment of your presence here? A stranger would be more obliging than you.”
“I believe that was no wisdom. As much as a stranger can be obliged to you, by nature I already am. You already know that, so why this melancholy? Say that you want to play comedy, and I'll go immediately.”
 “Is that so? You dare even to tell me that? You are a little too bold. In the end, you are in my own room. You are rubbing your fingers like crazy on my wall. My room, my wall!
And besides, what you are saying is ridiculous, not only cheeky. You say your nature forces you to talk to me in this way. Really? Your nature forces you? That’s nice of your nature. Your nature is mine, and when by nature I'm friendly to you, you shall not do otherwise.”
“Is this friendly?”
“I’m talking about earlier.”
“Do you know how I will be later?”
“I know nothing.”
And I went over to the bedside table where I lit a candle. I did not have gas or electric light in my room at that time. Then I sat for a while at the table, until I got tired of this too, put on the overcoat, took the hat from the sofa and blew out the candle. On the way out I was caught in a leg of the chair.
On the stairs I met a tenant from the same floor.
“You are already leaving again, you rascal?” he asked, resting on his legs spread over two steps.
“What shall I do?” I said, “now I have had a ghost in my room.”
“You say that with the same discontent as if you had found a hair in your soup.”
“You are joking. But remember, a ghost is a ghost.”
Very true. But, what if one does not at all believe in ghosts?
“Well, do you mean I believe in ghosts? But how does this non-belief help me?”
“Very easy. You just don’t have to be afraid anymore when a ghost really comes to you.”
“Yes, but this is just the accidental fear. The true fear is the fear of the cause of the apparition. And this fear stays. This one is really great in me.” Caught in my nervousness, I began to search through all my pockets.
“But since you were not afraid of the apparition itself, you could have asked quietly for its cause!”
 “You have obviously never talked with ghosts. One can never get any clear information from them. 
It’s a back and forth. These ghosts seem to be in doubt as to their existence even more than we are, which is, with their frailty, no wonder at all.”
“But I have heard that one can feed them.”
“You are well informed. This is possible. But who would do it?”
“Why not? If it’s a female ghost, for example,” he said and swung himself on the upper step.
“Oh,” I said, “but even then, it does not stand for it.” I betook myself. My acquaintance was already so high up that in order to see me he had to bend forward under an arch of the staircase. “But still,” I cried, “if you take away my ghost up there, it's over between us, forever.”
“But that was only a joke,” he said and drew his head back. 
“Then it’s good,” I said and could then actually have gone quietly for a stroll. But since I felt so forsaken, I rather went up and lay to sleep.

 
From "The Tales of Franz Kafka: English Translation With Original Text In German," available as e-book on Amazon Kindle, iPhone, iPad, or iPod touchon NOOK Bookon Koboand as printed, traditional edition through Lulu.

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